3D-Druck als politisches Signal gegen den Terror

Eigentlich sollte sich die Archäologie nicht für politische Ziele einspannen lassen, haben wir doch schon in der eigenen Geschichte einige negative Beispiele dafür. Andererseits ist die Archäologie ein Teil der Gesellschaft und des täglichen Lebens. Und wenn sich die Archäologie für so elementare Dinge wie Menschenrechte und gegen Terrorismus einsetzt ist das eine absolut zu begrüßende Entscheidung. Sicherlich steht der Erhalt von Kulturgut der Rettung von Menschenleben nach, aber Kultur schafft Identität und Gemeinschaft und ist als integraler Bestandteil der Menschheit schützenswert.

Der Torbogen in Palmyra (Quelle: Institute for Digital Archaeology)

Der nach der Zerstörung von Palmyra noch erhaltene Torbogen des Baaltempels (Quelle: Institute for Digital Archaeology)

Nach der fast vollständigen Zerstörung der in Syrien gelegene antike Oasenstadt Palmyra durch die Daesh (dieser Begriff sollte generell die Bezeichnung IS ersetzen, Gründe dazu hier) plant nun das Institut für Digitale Archäologie (IDA) mit Hilfe des einzig erhaltenen Torbogens ein Zeichen gegen den Terror zu setzen. Wie das Satelliten-Foto zeigt sind von der Tempelanlage nur noch Schutthügel übrig.

Das Satelliten-Foto zeigt das Ausmaßes der Zerstörung von Palmyra (Quelle: AFP PHOTO / UNITAR-UNOSAT / URTHECAST)

Das Satelliten-Foto zeigt das Ausmaß der Zerstörung von Palmyra (Quelle: AFP PHOTO / UNITAR-UNOSAT / URTHECAST)

„Palmyra, Syria - 2“ von James Gordon from Los Angeles, California, USA - Palmyra, Syria. Lizenziert unter CC BY 2.0 über Wikimedia Commons - https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Palmyra,_Syria_-_2.jpg#/media/File:Palmyra,_Syria_-_2.jpg

Palmyra 2008 vor der Zerstörung durch die Daesh (Quelle: „Palmyra, Syria – 2“ von James Gordon from Los Angeles, California, USA – Palmyra, Syria. Lizenziert unter CC BY 2.0 über Wikimedia Commons – https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Palmyra,_Syria_-_2.jpg#/media/File:Palmyra,_Syria_-_2.jpg)

Der 15 m hohe Torbogen, der am Eingang des Baaltempels stand, wurde zwar durch die Sprengungen stark beschädigt, blieb aber stehen. Das Institut für Digitale Archäologie (IDA) plant nun eine 1:1 Rekonstruktion des Torbogens, der als Zeichen gegen den Terrorismus auf dem Trafalgar Square in London und auf dem Times Square in New York aufgestellt werden soll. Außerdem will man mit dem Projekt auf die internationale Bedeutung des kulturellen Erbes aufmerksam machen. Der Torbogen soll anläßlich der Welterbe-Woche (findet in Deutschland am 5. Juni 2016 statt) im April 2016 ein Woche lang in London stehen. Boris Johnson, Londons Bürgermeister könnte sich allerdings auch vorstellen den Bogen dort länger stehen zu lassen. Beteiligt am Projekt sind neben dem Institut für Digitale Archäologie die Harvard-Universität, die Universität Oxford und das Museum der Zukunft in Dubai.

Mit Hilfe des größten 3D-Druckers der Welt in Shanghai sollen die Einzelteile des Torbogens gefertigt werden. In Italien werden die Teile dann weiter bearbeitet und anschließend vor Ort in London bzw. New York zusammengesetzt. Um das Pflaster dort zu schonen soll als Baumaterial hauptsächlich Kalkstein verwendet werden. In China und den USA gibt es bereits erste Schritte hin zu komplett gedruckten Häusern.

Model des Torbogens auf dem Trafalgar Square (Quelle: Institute for Digital Archaeology)

Model des Torbogens auf dem Trafalgar Square (Quelle: Institute for Digital Archaeology)

Model des Torbogens auf dem Trafalgar Square (Quelle: Institute for Digital Archaeology)

Model des Torbogens auf dem Trafalgar Square (Quelle: Institute for Digital Archaeology)

Normalerweise greift man bei einem solchen Projekt auf spezielles Bildmaterial von 3D-Kameras zurück. Da dieses Material aber nicht vorliegt und auch in der aktuellen Situation niemand in einem Kriegsgebiet einen 3D-Scan erstellen kann, wird auf gewöhnliches 2D-Fotomaterial zurückgreifen.

Neben der politischen Dimension des Projekts finde ich noch zwei weitere Aspekte sehr spannend. Zum einen die Anwendung von 3D-Druck-Technologie in der archäologischen Rekonstruktionsarbeit in einer solchen Größenordnung und zum anderen die notgedrungene ausschließliche Verwendung von 2D-Fotomaterial. Wir dürfen gespannt sein in welcher Qualität und Auflösung es möglich sein wird eine adäquates 3D-Modell zu erstellen, dass auch druckfähig ist. Da in der Forschung und Wissenschaft die finanziellen Ressourcen immer sehr knapp ist, ist gerade die Anwendung von sozusagen „Low-Budget“ Technologie, also der Einsatz von Fotos von handelsüblichen Digitalkameras, eine Option um so manches Projekt überhaupt durchführen zu können. Vielleicht ergeben sich bei diesem Projekt Erkenntnisse wie man mit 2D-Bildmaterial zu hochwertigen Ergebnissen kommt.

Hier noch ein Video von 3Sat wie Palmyra vor seiner Zerstörung aussah:

Links:

Protest gegen IS: Archäologen wollen Torbogen von Palmyra nachbauen – mit einem 3D-Drucker

Palmyra arch from Syrian heritage site to be recreated in London’s Trafalgar Square

Begriff für die Terrorgruppe – „Daesh“ statt „IS“

UNESCO-Welterbetag

Nofretete, Wärmebildkameras und Bodenradarmessungen

Die Meldung, dass man zwei weitere bisher unbekannte Kammern im Grab des Tutanchamun vermutet hatte einiges Aufsehen erregt.

Kurz zu den Zusammenhängen: Der britische Ägyptologe Nicholas Reeves (University of Arizona und Direktor des Amarna Royal Tombs Projects) ist der Meinung, dass sich noch weitere Kammern in diesem Grab befinden. Bei der Untersuchung von hochauflösenden Fotos der Grabkammer seien ihm feine Linien aufgefallen. An diesen Stellen wurden sich nach dem allgemeinen Muster der Gräber in Tal der Könige auch weitere Kammern befinden, allerdings für die Gräber der Frauen. Geht man davon aus, dass die Grabanlage ursprünglich gar nicht für einen Mann, sondern für eine Frau, möglicherweise Nofretete, angelegt wurde, so würden die Linien die Umrisse von Durchgängen, einer an der Nordwand, ein weiterer an der Westwand, abzeichnen. Reeves führt eine Reihe von Argumenten an, so auch eben den besagten Grundriss der Anlage, der sich nach rechts orientiert, was für Königinnen-Gräber typisch sein, im Gegensatz zu den Gräbern der Könige, die sich nach links orientieren. Er vermutet, dass die Grabanlage eigentlich Nofretete, Tutanchamuns Stiefmutter, gehört und Tutanchamun nachträglich in ihr bestattet wurde, weil er viel zu früh gestorben sei und für ihn deshalb noch keine eigene Grabstätte vorhanden war. Reeves beschäftigte sich eineinhalb Jahre lang mit dieser These und  veröffentlichte sie unter dem Titel „The Burial of Nefertiti?“ auf der Wissenschaftsplattform Academia.
Reeves konnte die ägyptische Antikenbehörde von seiner Theorie überzeugen und im November diesen Jahres wurde Untersuchungen in der Grabkammer unternommen.

Grafik Grab von Tutenchamun

Die bisher bekannte Grabkammer Tutanchamuns Grab (weiß) sowie die vermuteten zusätzlichen Kammern (gelb). Raum x soll ein Nebenraum sein, während bei y Nofretetes Grabkammer vermutet wird (Quelle: Nicholas Reeves – The Burrial of Neferiti)

Zunächst wurde Infrarotmessungen vorgenommen, die von einem internationalem Team des ägyptischen Antikenmuseums, der Universität Kairo und des französischen Heritage, Innovation and Preservation Institute (HIP) durchgeführt wurden. Dabei wurde 24 Stunden lang die Infrarotstrahlung der Wände gemessen und damit die Temperaturunterschiede aufgezeichnet. Die Idee dahinter ist recht einfach, eine Hohlraum weisst eine andere (Luft-)Temperatur auf wie der gewachsene Fels oder ein massives Mauerwerk. Anhand der Ergebnisse konnten Temperaturschwakungen an der Nordwand erkannt werden, was auf eine Kammer oder Durchgang hinweisen könnte.

Später wurden von Hirokatsu Watanabe, einem japanischen Spezialisten für Bodenradarmessungen, noch weitere Messungen durchgeführt. Watanabe hatte bereits früher schon im Amarna Royal Tombs Project mitgewirkt.

Der "Bruch" in den Messdaten der Wand ist im Messdiagramm zu erkennen (Quelle: You Tube Kanal von NG - Video "King Tut Tomb Scans Support Theory of Hidden Chamber")

Der „Bruch“ in den Messdaten der Wand ist im Messdiagramm zu erkennen (Quelle: Screenshot aus Video „King Tut Tomb Scans Support Theory of Hidden Chamber“ @ You Tube Kanal von NG)

Bei seinen Untersuchungen wurde festgestellt, dass sich an den Stellen der vermuteten Kammern/Durchgänge das Material der Wände offenbar abrupt verändert (s. Bild oben). So stellt sich dieser Übergang an der Nordwand als vertikale Linie dar. Die Daten der Messung zeigen einen Hohlraum hinter der Wand an, wohl möglich setzt sich die bekannte Vorkammer wie eine Art Korridor fort.

Man sei sich zwar schon zu 90% sicher, dass es sich hier um weitere Kammern handelt so Ägyptens Minister für Altertümer, Mamdouh el-Damaty, zur „Süddeutschen Zeitung“, aber man will die genauere Untersuchung der Daten der Radarmessung noch abwarten. Dies würde mindestens 4 Wochen in Anspruch nehmen wird. Erst dann wird entschieden wie das weitere Vorgehen aussehen soll. Eine Option ist es an einer Wand ohne Bemalung ein Loch bis zur vermuteten Kammer zu bohren und eine Kamera dort einzuführen.

Wir dürfen gespannt sein. Dieses Projekt ist ein guter Aufhänger um die hier verwendeten Methoden einmal genauer zu betrachten, aber dazu mehr in einem weiteren Blogbeitrag.

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