In eigener Sache: „Fach-Sprech“ und Gedanken zur 3D-Rekonstruktion der Bastion in Lemgo

In diesem Jahr ist ein wirklich interessantes Ebook „Visions of Substance: 3D Imaging in Mediterranean Archaeology“ erschienen (welches man auch in gedruckter Form beziehen kann):

Visions of Substance

Ebook „Visions of Substance“

Thema des Buches sind 3D-Rekonstruktionen, ihre Erstellung, Techniken, Probleme, Projekte usw. Eine wirklich gelungene Publikation, mit vielen interessanten Artikeln. Aber um das Buch soll es hier nicht gehen.

Ich durfte einen kurzen Beitrag für dieses Buch verfassen (auch wenn der Ort meines Projektes in NRW liegt und nicht im Mittelmeerraum). Leider sind im original Ebook die Links bei meinem Artikel defekt, daher habe ich den Beitrag etwas überarbeitet und als Auszug des Ebooks bei Academia eingestellt. Den Beitrag 3D Reconstruction of the Renaissance Bastion at the Langenbrücker Gate in Lemgo (Germany)“ finden Sie hier.

Nach dem Abschluss meiner Grabungen in Lemgo, wurde der Wunsch nach einer Rekonstruktion und Visualisierung der ehemaligen Bastion zur Präsentation auf der Webseite der Stadt Lemgo gewünscht. Über ein Projekt wurde das Model realisiert und 2013 veröffentlicht. Hier einige Screenshots:

3D-Model der Bastion am Langenbrücker Tor

3D-Model der Bastion am Langenbrücker Tor

3D-Model der Bastion am Langenbrücker Tor

Mein Grundgedanke, dass man den interessierten Laien etwas über die Grundlagen der Rekonstruktion und weiteren Rekonstruktions- möglichkeiten vermitteln müsse, wird ebenfalls in besagtem Artikel kurz angesprochen. In einem anderen Artikel zu diesem Projekt in Lemgo habe ich die Vorgehensweise bei der Rekonstruktion näher beschreiben und weitere Ergebnisse der Grabungen hier zusammengefasst vorgestellt. Auch das Resultat des Projektes, ein animiertes 3D-Model, ist frei zugänglich. Um dem Betrachter über dem Modell weitere Informationen zu vermitteln, kann er drei verschiedenen Blickwinkel wählen, mit dem Mauszeiger verschiedenen Bereiche des Models anklicken und so weitere Informationen erhalten. Am Ort der Grabung, wo heute die Befunde wegen der Nutzung als Verkehrsfläche bereits wieder verfüllt sind, steht eine Informationstafel, die über die Grabung und die Rekonstruktion berichtet.

Sicher kann man auch hier die Didaktik noch verbessern, aber im Rahmen der Mittel wurde versucht, dem Betrachter über verschiedene Medien (dem Model, Information innerhalb des Models, Publikationen, Infosteelen) Einsichten in die Grundlagen der Rekonstruktion und seinem Entstehungsprozess zu geben. Aus heutiger Sicht würde ich beim nächsten Rekonstruktionsmodel die Didaktik viel mehr einbeziehen und der Vermittlung der Inhalte größeren Raum geben. Immer wieder stelle ich fest, das wir Wissenschaftler einfach viel zu nah an der Materie sind um einem Laien bzw. Nicht-Wissenschaftler unsere Argumente und Vorgehensweisen transparent und vor allem verständlich darzustellen. Wir sollten uns viel öfters fragen, ob unser „Fach-Sprech“ überhaupt beim „Kunden“ ankommt…und wenn ja…wie? Sonst hören wir uns an wie…Unternehmensberater 😉

Links:

3D Reconstruction of the Renaissance Bastion at the Langenbrücker Gate in Lemgo (Germany)

Rekonstruktion der renaissancezeitlichen Festungsanlage am Langenbrücker Tor in Lemgo (Kreis Lippe, Regierungsbezirk Detmold)

Lemgo – Langenbrücker Tor – Ergebnisse der archäologischen Untersuchungen Kampagnen 2010 / 2011

3D-Model der renaissancezeitlichen Bastion am Langenbrücker Tor in Lemgo

Ebook : Visions of Substance

Buch: Visions of Stubstance

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Die didaktischen Gefahren von 3D-Modellen am Beispiel einer animierten Rekonstruktion des Londons des 17. Jahrhunderts

Vor ein paar Tagen wurde das von einer Studentengruppe erstellte Video von Londons zur Zeit des 17. Jahrhunderts vorgestellt. Die sechs Studenten haben mit ihrer bemerkenswerten Arbeit den ersten Preis des Off the Map – Wettbewerbs gewonnen, der von der British Library und den Videospiel-Entwickler von GameCity and Crytek ausgeschrieben wurde.

Das Video zeigt einen Durch- und Überflug des Gebiets um die Pudding Lane und der Bäckerei von Thomas Farriner, wo der Große Brand von London 1666 ihren Ursprung hatte. Hier das Video:

Ich möchte hier nicht die wunderbare Arbeit der Studenten zerreden, das Virtuelle Modell ist wirklich sehr gelungen und die Arbeit dahinter sicher enorm. Das Video dient nur als Aufhänger für das Problem, dass ich bei solchen Modellen sehe.

Grundlage des Modells ist ein historischer Straßenplan, denn die British Library zur Verfügung gestellt hat. Damit hat es sich allerdings auch schon mit den historischen Grundlagen. So schön die Animation auch ist, die Aussage, dass es sich um ein Modell des Londons des 17. Jahrhunderts handelt, ist etwas irreführend. Die Gebäude sind rein hypothetisch, sprich alles was sich vom Planum der Straße aus nach oben aufbaut ist Fiktion. Es wurden zwar für die Inspiration zur Optik der Häuser auf historische Vorlagen zurückgegriffen, aber der Aufbau der Häuser ist rein hypothetisch. Aussagen der Entwickler wie „The environment we produce needs to look historically accurate,…“ sollten wirklich wortwörtlich genommen werden. Es soll historisch genau aussehen, historischer Authentizität ist nicht das Ziel des Projekts gewesen. Aber genau diesen Eindruck macht das Video bzw. Modell, da es keine Erläuterung dazu gibt.

Die Machern des Videos beschreiben, wie sie das Modell erstellt haben, wünschenswert wäre allerdings ein klares und auch auf den ersten Blick sichtbarer Hinweis, dass es sich hier um ein Modell handelt, dessen Aufbau fiktiv ist und mehr ein Stimmungsbild darstellt und keine historisch belegte und überprüfbare Rekonstruktion.

Selbst eine gut recherchierte Rekonstruktion kann immer nur eine Variante der möglichen Rekonstruktionen darstellen, wenn es bei einem wissenschaftlich fundierten Modell auch eine sehr gut begründete Variante sein kann. Mir als Wissenschaftler ist es, aufgrund meiner Ausbildung und der für die Wissenschaft üblichen kritischen Herangehensweise, sofort klar, dass jedes Modell und jede Rekonstruktion immer nur eine Erklärungsmöglichkeit ist, aber dem Laien ist das oft so nicht bewusst (woher auch). Der interessierte Laie nimmt (unsere) wissenschaftlichen Rekonstruktionen als „Wahrheit“ an. „Der Wissenschaftler hat das so gemacht, dann muss es richtig sein, denn der weiß schließlich was er da macht“. Solche Antworten habe ich selber schon auf Nachfragen bekommen. Und genau dieses Problem muss bei jeder Rekonstruktion kommuniziert werden. Denn solange wir keine Zeitreisen machen können, kann sich auch ein Wissenschaftler nie sicher sein ;-).

Links:

http://www.openculture.com/2013/11/fly-through-17th-century-london.html

http://puddinglanedmuga.blogspot.co.uk/

http://londonist.com/2013/10/fly-through-17th-century-london

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