Nutzung von 3D-Scans in der Forschung zur paläolithischen Kunst

Am Archäologischen Forschungszentrum und Museum für menschliche Verhaltensevolution im Schloss Monrepos (Neuwied) forscht Alexandra Güth an über 15.000 Jahre alten Schiefergravierungen des Fundplatzes Gönnersdorf.

Gönnersdorf, Detail der Schieferplatte 59 mit nach links gewendetem Pferdekopf. Gut erkennbar sind das Auge, Nüstern, Ganasche und Behaarung (Foto: MONREPOS Archäologisches Forschungszentrum und Museum für menschliche Verhaltensevolution).

Die Auswertung der Schiefergravierungen geben neue Einblicke in die paläolithische Kunst und ihre soziale Bedeutung. Erstaunlich ist, dass diese Künstler bereits die Regeln des „Goldenen Schnitts“ beherrschten und nicht versuchten Dinge bzw. visuelle Eindrücke nachzuahmen. Typisch für den Fundplatz Gönnersdorf sind die schematische Frauendarstellungen („Gönnersdorferin„) und naturalistische Tiergravuren, die europaweit verbreitet waren. Mit ihnen offenbart sich eine Art überregionale Kommunikationsmittel bzw. Verständigungscode. Insgesamt konnten über 500 Frauen und 240 Tiergravuren festgestellt werden. Bemerkenswert ist außerdem, dass die untersuchten Schieferplatten nicht in einer eigenen „Werkstatt“ oder „Atelier“ gefunden wurden, sondern inmitten des Siedlungsgeschehens.

Ausgrabungen auf dem über 15.000 Jahre alten Fundplatz Gönnersdorf. Das Foto zeigt einen Ausschnitt aus de Grabungsfläche. Charakteristisch für Gönnersdorf ist die dichte Lage der vielen gravierten und ungravierten Schieferplatten (Foto: MONREPOS Archäologisches Forschungszentrum und Museum für menschliche Verhaltensevolution).

Welche Rolle spielte Kunst in ihrer Anfangsgeschichte? Anhand der Gravuren kann folgenden Fragen nachgegangen werden:

  • Warum gibt es überhaupt Kunst?
  • Können Parallelen zwischen Bedeutung und Funktion der paläolithischen Kunst und der heutigen Kunst gefunden werden?

Diese Fragen können nur durch umfangreiche und tiefgehende Analysen beantwortet werden. Hierzu bediente man sich der Auswertung von hochauflösenden 3D-Scans von ausgesuchten Schieferplatten. Hierbei kam der 3D Scanner ATOS III/Gom zum Einsatz. Dabei handelt es sich um einen nach dem Prinzip des Streifenlichtscanners arbeitenden hochauflösenden optischen Digitalisierer, mit dem dreidimensionale Messdaten erzeugt werden können. Durch diese Technik können Objekte berührungslos und schonend digitalisiert werden, um anschließend die erfassten Oberflächeninformationen in einer Punktwolken am PC dreidimensional darzustellen. Die Messgenauigkeiten des ATOS III/Gom liegt, je nach Modell, zwischen 0,01 bis 0,79 mm. Ein Foto (und einige andere mehr) vom Versuchsaufbau mit Scanner und Rotationstisch (oberstes Bild) kann im öffentlich zugänglichen Teil des kostenpflichtigen Artikels  im Journal of Archaeological Science eingesehen werden.

Durch die erstmal vollständige objektive und metrische Erfassung der Gravierungen konnten Technik und Stil der Darstellungen eindeutig klassifiziert werden. Anhand der neu erkannten Details war es außerdem möglich die Lesart einzelner Figuren zu korrigiert. Darüber hinaus konnte die Abfolgen der Linien bestimmt werden, wodurch die Chronologie der Gravierungen bzw. Bilder rekonstruiert werden konnten.

Interessant ist auch die soziale Bedeutung dieser künstlerischen Arbeit und die Regeln der ästhetischer Wirkung, die bereits im Paläolithikum bekannt waren bzw. befolgt wurden. Es konnte festgestellt werden, das Pferdegravuren die noch heute als „schön“ empfunden werden, nach den Regeln des Goldenen Schnitts proportioniert wurden und sich deutlich in Metrik und Linienführung von den anderen „unschönen“ Motiven unterscheiden. Die große Anzahl an gravierten Schieferplatten und das Auftreten eines spezialisierten Künstlertums zeigt die große soziale Bedeutung dieser Bildsprache. Vielleicht können in Zukunft sogar Handschriften einzelner Künstler erkannt werden. Ein äußerst positiver und willkommener Nebeneffekt der Digitalisierung der Gravuren ist der damit verbundene dauerhafte Erhalt und Schutz des Kulturerbes.

Die Ergebnisse der Studie von Alexandra Güth am Forschungszentrum und Museum für menschliche Verhaltensevolution (MONREPOS) wurden in der Oktoberausgabe des  Journal of Archaeological Science veröffentlicht.

Weitere Quellen:

Archäologie Online

Informationsdienst Wissenschaft

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