Mit einem iPhone App ins Kölner frühchristliche Mittelalter

Auf Grundlage der Forschungen zum Frühmittelalter in Köln, hat der Archäologe Dr. Sebastian Ristow (Privatdozent an der Universität Köln und wissenschaftlicher Mitarbeiter der RWTH Aachen) zusammen mit dem Züricher Wissenschaftler Guido Faccani und dem Programmierer Michael Sommerhalder innerhalb eines halben Jahres die App „Frühchristliches Köln“ entwickelt.

Screenshoot App „Frühchristliches Köln“

Auf einer Karte von Köln können die einzelnen Kirchen ausgewählt und Baupläne, Fotos, die Geschichte des Bauwerks und die einzelnen Bauphasen angezeigt werden. Obwohl zu den einzelnen Bauten eine Große Menge an Informationen vorhanden sind, wurde bei der Umsetzung auf einen einfache Handhabung und einer nicht zu umfangreichen Auswahl an Daten geachtet. Außerdem werden zu jedem Bauwerk die Adresse, Öffnungszeiten, Telefonnummern, Webseiten und Angaben zu Terminen und Führungen angegeben. Über die Standortbestimmung des iPhones kann festgestellt werden, welches Bauwerk sich in der Nähe befindet.

Screenshoot App „Frühchristliches Köln“

Zur schnellen Orientierung ist außerdem eine Liste aller Kirchen vorhanden. Die Informationen können als Text angezeigt oder als Sprache abgespielt werden. Geplant ist außerdem eine deutschlandweite Umsetzung.

Screenshoot App „Frühchristliches Köln“

Die kostenlose App ist in Deutsch, Niederländisch, Englisch, Französisch und Italienisch verfügbar, allerdings bisher nur für das iPhone. Sollten sich weitere Sponsoren oder Fördermöglichkeiten finden ist auch eine Umsetzung der App für Android geplant. Da alle Daten in der App abgelegt sind, kann sie auch im Ausland bzw. im Inland von ausländischen Touristen (sofern sie die App im heimischen Netz installiert haben) ohne Roaming-Gebühren genutzt werden.

Screenshoot App „Frühchristliches Köln“

 Quellen:

Kölner Stadt-Anzeiger

archaeoplanristow

PDF von archaeoplan ristow zum App

Universität Zürich

Das App im iTunes Store

Screenshots mit freundlicher Genehmigung dem PDF von archaeoplan Ristow entnommen.

Advertisements

Neue Ausgabe der „DAI weltweit“ online

Das Deutsche Archäologische Institut hat die zweite Ausgabe des Magazins „DAI weltweit“ online veröffentlicht.

In der neuen Ausgabe wird die Anwendung neuer Methoden, die Rettung kostbarer Bildbestände und die Fortschritte beim Aufbau einer digitalen Infrastruktur des DAI für die langfristige Verfügbarkeit, Lesbarkeit und Vernetzung digitaler Daten vorgestellt.

Die Themen sind:

  • Hightech History – Naturwissenschaften und digitale Technologien in der Archäologie
  • Luftbild – Das EU-Projekt ArchaeoLandscapes Europe
  • Kulturlandschaft Amazonien – Die Entdeckung vorspanischer Ringgrabenanlagen im LiDAR-Scan
  • Rom, imperial – Der Palatin als Herrschaftsarchitektur in 3D
  • Interview mit Ortwin Dally – Dokumentation, Digitalisierung und Datenbank
  • Übersetzungsleistung – Die Digitalisierung der Archive
  • IANUS – Das Forschungsdatenzentrum des DAI
  • Resafa – DAI-Kooperationspartner TU Berlin, Historische Bauforschung
  • Das Naturwissenschaftliche Referat des DAI
  • Mythos Olympia – Kult und Spiele

Besonders interessant ist der Artikel zu EU-Projekt ArchaeoLandscapes Europe und dem IANUS Projekt. Bei letzterem handelt es sich um den Aufbau nationales Zentrums für , unterschiedliche Dienstleistungen im Bereich digitaler Forschungsdaten und Langzeitarchivierung.

Gemeinsame Herbsttagung der AG DANK und der AG CAA

Am 5. und 6. Oktober 2012 fand in den Räumen des LVR-Amts für Bodendenkmalpflege im Rheinland die gemeinsame Herbsttagung der AG DANK (AG Datenanalyse und Numerische Klassifikation ) und der AG CAA (AG Computeranwendungen und Quantitative Methoden in der Archäologie) statt. Einige Beiträge der AG DANK sind bereits für einen Web-Veröffentlichung freigegeben worden.

Die Schwerpunkte der Tagung waren Datenanalysen und Klassifikationsmethoden in der Archäologie. Beide AGs weisen Überschneidungen in ihren Tätigkeitsfeldern auf, wie z.B.:

  • die Erstellung einer Klassifikation von Objekten mit ‚homogenen‘ Objektclustern oder Typen (Typologien)
  • die automatische Zuordnung von Objekten zu Klassen aufgrund erhobener Merkmale und Eigenschaften
  • die grafische Repräsentation von Daten, Ähnlichkeitsbeziehungen und Relationen zwischen Objekten (z.B. Funden, Befunden) in Form von Punktediagrammen, Liniendiagrammen, Abhängigkeitsnetzen, Hierarchien etc.
  • die quantitative Analyse zeitlicher und räumlicher Vorgänge, auch im Rahmen von geographischen Informationssystemen (GIS)
  • die Auswertung unscharfer oder vager Informationen (z.B. ungenauer Datierungen)
  • Kausal- und Zusammenhangsanalyse
  • die Realisierung von Klassifikations- und Datenanalyse-Methoden mittels geeigneter Software.

(Quelle: Tagungsankündigung auf der Homepage der AG CAA)

Freitag, 5. Oktober

Den Vorsitz des ersten Tages hatte Frau Irmela Herzog. Prof. Dr. Jürgen Kunow, Leiter des LVR-Amts für Bodendenkmalpflege, begrüßte die Tagungsteilnehmer und stellte kurz die Aufgabenbereiche des Amts vor.  Frau Herzog stellte die AG CAA und Herr Hennig die AG DANK vor. Direkt im Anschluss begann der erste Vortrag.

Nakoinz, Oliver – Die Rekonstruktion kultureller Räume mittels Clusteranalyse

Anhand der Fürstensitze der älteren Eisenzeit demonstrierte Hr. Nakoinz die Anwendung der Cluster-Analyse, wobei er die Frage nach der Größe der Territorien nicht durch die Verwendung von Leitmotiven, sondern durch sog. „kulturelle Fingerprints“ ermittelte. Diese Fingerprints enthalten die relative Anzahl der versch. Artefakt-Typen. Grundlage ist die Annahme, dass eine archäologischen Kultur einen Cluster  räumlicher Analyseinheiten im Typenspektrum darstellt. so können Cluster von Typenspektren aus geografischen Einheiten erzeugt werden. Fazit des Vortrags: Universelle Methoden gibt es nicht, für jede Aufgabe existieren mehr oder weniger geeignete Methoden. E-Publikation zum Vortrag hier.

Herzog, Irmela – Ansätze zur Rekonstruktion von mittelalterlichen Verkehrsnetzen

Frau Herzog stellte eine neue Methode vor, bei der der „erlebte Raum“ nachvollzogen wird, im allgemeinem handelt es sich um einen least-cost-path Analyse. Grundlage der Auswertung stellt ein mittelalterliches Verkehrsnetz dar. Hierfür wurde eine Kostenmodell erstellt für das Distanzmaße erzeugt, eine für Wagen kritische Hangneigung einbezogen, feuchte Böden vermieden und Furten bevorzugt wurden. anschließend wurden versch. Modelle (Triangulation, kostenbasiertes minimum spanning tree, kostenbasiertes Basin Cluster-Verfahren, radiale Netzwerke)   durchgerechnet und vorgestellt. Fazit des Vortrags: Es gibt versch. Modelle zu kosten-basierten Netzwerkberechnung, aber hier besteht noch großer Forschungsbedarf.

Eckmeier, Eileen – PLS-Regression spektroskopischer Daten zur Analyse archäologischer Bodenrelikte

Basis dieser Analyse sind die Eigenschaften des ehemaligen Oberbodens die in Grubenverfüllungen gefunden werden. Es stellte sich die Frage ob die Farbe des Füllmaterials/Bodens mit dem Alter der Grube korreliert. Hierzu wurde die Spektrophotometrie angewendet und die Daten mit Hilfe der PLS (Partial Least Squares Regression), einem Multivarianten Analyseverfahren ausgewertet. Fazit des Vortrags: Es gibt keinen kausalen Zusammenhang zw. Farbe und organischer Zusammensetzung des Bodens und auch keinen Zusammenhang zw. Kohlenstoff und Farbhelligkeit für versch. Zeitstellungen. Möglicherweise gibt es aber einen Zusammenhang zw.  der Rotfärbung und der chronologischen Stellung des Bodens. hierzu müssen die weiteren Ergebnisse noch ausgewertet werden. E-Publikation zum Vortrag hier.

Hennig, Christian – Zeitliche Unsicherheit und Chronologien von Artefakten

Christian Hennig ging auf die Probleme bei der Datierung von Artefakten ein. Datengrundlage sind die Artefakttypen eines Surveys. Hierbei geht es unter anderem um die  Unsicherheit der Datierung, die man dadurch in den Griff bekommt, dass man z.B. einen Datierungs-Invervalle angibt (z.B. 70% römisch, 30%  hellenistisch). Es wurde eine Gesamtübersicht mit den Perioden als numerischer Ausdruck errechnet, aus der man entnehmen kann wie wahrscheinlich es ist das Typ X in einer bestimmten Periode auftritt. Eines der größten Probleme bei solchen Analysen ist die Sicherheit der Artefaktbestimmung durch einen Wissenschaftler bzw. durch ein ganzen Team. E-Publikation zum Vortrag hier.

Der Freitag wurde durch die Mitgliederversammlung AG DANK abgeschlossen

Samstag, 6. Oktober

Vorsitz: Christian Hennig

Mucha, Hans- Joachim – Visualisierung und Clusteranalyse

Anhand der Daten zu römischen Ziegeln (Spempel und Localität) von Jens Dolata wurden verschiedenen Arten der Visualisierung (hierarchisches und partielles Clustering, multivariante Projektion, Dendrogramme, Mapping findspots) von Daten vorgestellt und analysiert. E-Publikation zum Vortrag hier.

Interessant war auch die anschließende Präsentation der Analyseergebnisse eines Steinartefakt-Datensatzes zu älterpaläolithischen Steinartefakten aus Mitteldeutschland, Mitteleuropa und Europa aus dem Mittel- und Jungpleistozän von Thomas Weber, der im Vorfeld der Tagung zur Verfügung gestellten wurde. Hierbei sollte mit den Daten „gespielt“ und eigene und/oder neue Analyseansätze (z.B. Heteroskedastische Diskriminanzanalyse, Clusteranalyse von POPRDI4Y, Parallelkoordinatenplot, Quick cluster analysis etc.) ausprobiert werden. E-Publikationen der verschiedenen Auswertungen sind hier zu finden.

Nowak, Kathrin – Die Untersuchung mittelneolithischer Silexinventare unter Anwendung einer Faktorenanalyse

Kathrin Nowak ging mittels einer Faktorenanalyse der Aufnahmedaten von mittelneolithischer Silexartefakten der Frage nach, wie sich die Menschen mit Silex versorgt haben. Mit Hilfe der Faktorenanalyse wurden die Daten nach inhaltlichen und nach statistischen Kriterien strukturiert. Zum Einsatz kamen z.b. die Anti-Image-Korrelations-Matrix, das Kaiser-Meyer-Olkin-Kriterium, die Rotation nach Varimax und die Measure of sampling adequacy (MSA).

Röser, Christian – Zur Entwicklung eines deduktiven Klassifikationssystems für hochmittelalterliche bis neuzeitliche Keramik im Rheinland

Thema dieses Vortrags war die Frage, wie man für die Analyse einen sauberen Datensatz zu Funden einer Ausgrabung erstellt. Das Problem besteht im vorliegenden Fall darin, dass ein kein homogenes Klassifikationssysten für verschiedene Zeitstufen (z.B. Mittelalter bis frühe Neuzeit) gibt. Die Publikationen zu diesem Thema stammen größtenteils aus den 80er Jahren des vorangegangenen Jahrhunderts. Die Verfahren der induktiven und der deduktiven Klassifikation weisen, je nach Fragestellung, Vor- und Nachteile auf. Ziel ist die Entwicklung eines deduktiven Klassifikationssystems, da dieses Verfahren für homogene Fundspektren von verschiedenen Fundplätzen besser geeignet scheint. Das Konzept hierzu wurde am Beispiel der Randformen von Keramikgefäßen vorgestellt.

Abschlussdiskussion der Vorträge und der Tagung

Kleine Anekdote zum Schluss: Hans-Joachim Mucha nutze zum Testen von Analyseverfahren durch Microsoft Excel erzeugte Zufallszahlen….und stellte dabei erstaunt fest, dass diese „Zufallszahlen“ gar keine sind und einen feststellbaren System unterliegen.

Erkenntnis des Tages: Der Zufallsgenerator von Excel sollte für ernsthafte Untersuchungen und Testverfahren nicht verwendet werden.

Nutzung von 3D-Scans in der Forschung zur paläolithischen Kunst

Am Archäologischen Forschungszentrum und Museum für menschliche Verhaltensevolution im Schloss Monrepos (Neuwied) forscht Alexandra Güth an über 15.000 Jahre alten Schiefergravierungen des Fundplatzes Gönnersdorf.

Gönnersdorf, Detail der Schieferplatte 59 mit nach links gewendetem Pferdekopf. Gut erkennbar sind das Auge, Nüstern, Ganasche und Behaarung (Foto: MONREPOS Archäologisches Forschungszentrum und Museum für menschliche Verhaltensevolution).

Die Auswertung der Schiefergravierungen geben neue Einblicke in die paläolithische Kunst und ihre soziale Bedeutung. Erstaunlich ist, dass diese Künstler bereits die Regeln des „Goldenen Schnitts“ beherrschten und nicht versuchten Dinge bzw. visuelle Eindrücke nachzuahmen. Typisch für den Fundplatz Gönnersdorf sind die schematische Frauendarstellungen („Gönnersdorferin„) und naturalistische Tiergravuren, die europaweit verbreitet waren. Mit ihnen offenbart sich eine Art überregionale Kommunikationsmittel bzw. Verständigungscode. Insgesamt konnten über 500 Frauen und 240 Tiergravuren festgestellt werden. Bemerkenswert ist außerdem, dass die untersuchten Schieferplatten nicht in einer eigenen „Werkstatt“ oder „Atelier“ gefunden wurden, sondern inmitten des Siedlungsgeschehens.

Ausgrabungen auf dem über 15.000 Jahre alten Fundplatz Gönnersdorf. Das Foto zeigt einen Ausschnitt aus de Grabungsfläche. Charakteristisch für Gönnersdorf ist die dichte Lage der vielen gravierten und ungravierten Schieferplatten (Foto: MONREPOS Archäologisches Forschungszentrum und Museum für menschliche Verhaltensevolution).

Welche Rolle spielte Kunst in ihrer Anfangsgeschichte? Anhand der Gravuren kann folgenden Fragen nachgegangen werden:

  • Warum gibt es überhaupt Kunst?
  • Können Parallelen zwischen Bedeutung und Funktion der paläolithischen Kunst und der heutigen Kunst gefunden werden?

Diese Fragen können nur durch umfangreiche und tiefgehende Analysen beantwortet werden. Hierzu bediente man sich der Auswertung von hochauflösenden 3D-Scans von ausgesuchten Schieferplatten. Hierbei kam der 3D Scanner ATOS III/Gom zum Einsatz. Dabei handelt es sich um einen nach dem Prinzip des Streifenlichtscanners arbeitenden hochauflösenden optischen Digitalisierer, mit dem dreidimensionale Messdaten erzeugt werden können. Durch diese Technik können Objekte berührungslos und schonend digitalisiert werden, um anschließend die erfassten Oberflächeninformationen in einer Punktwolken am PC dreidimensional darzustellen. Die Messgenauigkeiten des ATOS III/Gom liegt, je nach Modell, zwischen 0,01 bis 0,79 mm. Ein Foto (und einige andere mehr) vom Versuchsaufbau mit Scanner und Rotationstisch (oberstes Bild) kann im öffentlich zugänglichen Teil des kostenpflichtigen Artikels  im Journal of Archaeological Science eingesehen werden.

Durch die erstmal vollständige objektive und metrische Erfassung der Gravierungen konnten Technik und Stil der Darstellungen eindeutig klassifiziert werden. Anhand der neu erkannten Details war es außerdem möglich die Lesart einzelner Figuren zu korrigiert. Darüber hinaus konnte die Abfolgen der Linien bestimmt werden, wodurch die Chronologie der Gravierungen bzw. Bilder rekonstruiert werden konnten.

Interessant ist auch die soziale Bedeutung dieser künstlerischen Arbeit und die Regeln der ästhetischer Wirkung, die bereits im Paläolithikum bekannt waren bzw. befolgt wurden. Es konnte festgestellt werden, das Pferdegravuren die noch heute als „schön“ empfunden werden, nach den Regeln des Goldenen Schnitts proportioniert wurden und sich deutlich in Metrik und Linienführung von den anderen „unschönen“ Motiven unterscheiden. Die große Anzahl an gravierten Schieferplatten und das Auftreten eines spezialisierten Künstlertums zeigt die große soziale Bedeutung dieser Bildsprache. Vielleicht können in Zukunft sogar Handschriften einzelner Künstler erkannt werden. Ein äußerst positiver und willkommener Nebeneffekt der Digitalisierung der Gravuren ist der damit verbundene dauerhafte Erhalt und Schutz des Kulturerbes.

Die Ergebnisse der Studie von Alexandra Güth am Forschungszentrum und Museum für menschliche Verhaltensevolution (MONREPOS) wurden in der Oktoberausgabe des  Journal of Archaeological Science veröffentlicht.

Weitere Quellen:

Archäologie Online

Informationsdienst Wissenschaft

%d Bloggern gefällt das: